Auch unabhängig von deinem Alter können Erwartungen, wie dein Liebesleben aussehen sollte, großen Druck erzeugen. Von der Frage, wie oft du Sex haben solltest, bis hin dazu, was das Liebesspiel überhaupt beinhalten sollte: Überholte oder überzogene Vorstellungen können ein Hindernis auf dem Weg zu wirklich gutem Sex sein. "Erwartungen hindern den Menschen daran, authentisch zu erkunden, wie sein Sexleben tatsächlich aussehen soll", sagt der Londoner Paartherapeut Silva Neves. "Sie können außerdem der Auslöser für sexuelle Probleme sein oder dazu beitragen, dass diese nicht verschwinden."
In jedem Alter geht es laut Experten bei besserem Sex im Kern immer darum, anzuerkennen, dass sich Geist, Körper und sexuelle Bedürfnisse ständig verändern. Britische Forscher der University of Manchester haben herausgefunden, dass Menschen, die dies akzeptieren und ihre sexuelle Herangehensweise im Laufe ihres Lebens anpassen, am zufriedensten sind. Trotzdem hält sich bei vielen Menschen hartnäckig der Glaube, dass Sex mit 60 Jahren einfach aufhört. "Viele Menschen haben Angst, dass sie ab einem bestimmten Alter regelrecht austrocknen", erklärt Buchautor Neves ("Sexology: The Basics", noch nicht auf Deutsch erhältlich). Forschungen, die in der internationalen Fachzeitschrift "Archives of Sexual Behavior" veröffentlicht wurden, stellen das zur Diskussion: Sie zeigen, dass 54 Prozent der Männer über 70 noch immer Sex haben – und ihn auch im hohen Alter genießen.
Natürlich altert jeder unterschiedlich, und es gibt nicht den einen richtigen Weg, eine bestimmte Lebensphase zu erleben. Doch basierend auf Neves’ Erfahrung als Therapeut zeigen wir auf den nächsten Seiten, wie sich dein Sex im Laufe der Zeit verändern kann – und wie du mit diesen Veränderungen umgehen kannst, damit es im Bett (oder in der Küche) auch in den kommenden Jahren erfüllend bleibt.
Sex in deinen 20ern
Egal, ob du in diesem Lebensabschnitt schon arbeitest oder noch studierst – du wirst dich wahrscheinlich unter Druck fühlen, erfolgreich zu sein und "etwas aus dir zu machen". Vorsicht: Dieser Druck kann sich auch auf dein Sexleben ausweiten – im Guten wie im Schlechten.
Vorteile
Der menschliche Sexualtrieb ist komplex und wird von einer Mischung aus psychologischen, medizinischen und lebensstilbezogenen Faktoren beeinflusst. Doch mit etwa 22 erreicht dein testosterongesteuerter Sexualtrieb seinen Höhepunkt. Du bist möglicherweise so neugierig und frei wie nie, Dinge auszuprobieren – und kannst aus deinen Entdeckungen (und Fehlern) lernen.
Herausforderungen
Das Leben ist kein Porno. Wahrscheinlich wirst du aber trotzdem immer wieder mit Botschaften konfrontiert, die dir einreden, dass du als Mann ein perfekter Liebhaber mit rund um die Uhr steinharter Erektion sein musst. Daraus können leider Leistungsdruck und Versagensangst entstehen.
Was du tun kannst
Geh auf Entdeckungsreise
"Probiere so viele verschiedene sexuelle Praktiken, Stellungen, Orte, Kleidungsstile und Arten von Partnern aus, wie du möchtest", sagt Neves. "Setz dich nicht unter Druck, immer irgendeine großartige Erfahrung haben zu müssen, und habe keine Angst vor Enttäuschungen. Sieh stattdessen alles als Teil deiner sexuellen Entwicklung."
Lass dich nicht unter Druck setzen
Wenn die Tipps, die du liest oder siehst, dich beschämen oder dir vorschreiben, wie du dich verhalten musst, um "ein richtiger Mann zu sein", such dir bessere Quellen. Neves empfiehlt die sexpositive Lernplattform "Beducated" oder das Buch "Alles über Sex" von Kate Moyle (um 20 Euro).
Schau dir Pornos an
Manche Menschen können dich dafür verurteilen, Pornos zu schauen, dir Frauenfeindlichkeit unterstellen oder vor einer Sucht warnen. "Visuelle Hilfsmittel zu nutzen, ist kein Problem und nichts, wofür man sich schämen muss", sagt Neves. Wenn Mainstream-Pornos dir zu sexistisch, homophob oder aggressiv sind, such dir Alternativen im Internet, die dich wirklich ansprechen – und erlaube dir, diese zu genießen.
Sex in deinen 30ern
Zwischen 30 und 40 Jahren wirst du stark damit beschäftigt sein, dir ein eigenständiges Leben aufzubauen. Das kann bedeuten, eine Partnerschaft (oder mehrere) zu führen, vielleicht Kinder zu bekommen oder dich auch voll und ganz auf deine berufliche Karriere zu konzentrieren.
Vorteile
Du solltest dich selbst und deine Sexualität inzwischen besser kennen als in deinen 20ern. Dein testosterongesteuerter Sexualtrieb ist immer noch relativ hoch, wenn auch vielleicht etwas geringer als früher.
Herausforderungen
Wenn dein Beziehungs-, Familien- oder Arbeitsleben sehr fordernd ist, hast du möglicherweise weniger Zeit oder Interesse an Sex. Auch kann Sex in einer langfristigen Partnerschaft vorhersehbar geworden sein.
Was du tun kannst
Plane Zeit für Zweisamkeit ein
"Es gibt die wenig hilfreiche Vorstellung, dass Sex spontan sein sollte", sagt Neves. Doch bei den vielen Anforderungen in deinen 30ern ist Spontaneität oft unrealistisch. "Nimm dir ein paar Stunden pro Woche oder im Monat, um einfach mit deinem Partner oder deiner Partnerin nackt zu sein und zu schauen, was dann passiert."
Besuche einen Sexshop
Ein sogenanntes "sexuelles Wachstums-Mindset" (also der Glaube, dass du dich als Partner weiterentwickeln kannst) ist entscheidend für langfristige Zufriedenheit. "Vielleicht hast du in deinen 20ern schon viel ausprobiert – aber es gibt noch viel zu entdecken", sagt Neves. "Bleib neugierig. Überlege, wie du mehr Abwechslung und Spannung in dein Sexleben bringen kannst. Wenn dir Ideen fehlen, geh in einen Sexshop. Schau dich um, lache und ziehe Spielzeuge, Fantasien oder Kostüme in Betracht, die du noch nicht ausprobiert hast."
Praktiziere Selbstbefriedigung
Sex mit einem Partner oder einer Partnerin und Selbstbefriedigung können völlig unterschiedliche Funktionen haben. "Abends bist du vielleicht zu erschöpft für ausführlichen Sex mit einer anderen Person", sagt Neves. "Selbstbefriedigung ist dann eine gute Möglichkeit, Stress abzubauen und gleichzeitig Lust zu erleben." Nimm dir – so oft du es brauchst – etwa 10 Minuten Zeit dafür, um die nötige Entspannung zu finden.
Sex in deinen 40ern
Wenn deine Karriere ihren Höhepunkt erreicht, hast du möglicherweise mehr Freiheit – oder mehr Stress. Wenn du früh Papa geworden bist, hast du jetzt wieder mehr Zeit für dich. Gleichzeitig können in diesem Lebensabschnitt Gefühle entstehen, sexuell weniger begehrenswert zu sein.
Vorteile
Du hast inzwischen viele sexuelle Erfahrungen gemacht, über die du reflektiert hast und an denen du gewachsen bist. Sex kann sich jetzt erfüllender, authentischer und stärker im Einklang mit deinen eigenen Vorlieben und Abneigungen anfühlen.
Herausforderungen
Erektionsprobleme können öfter auftreten, und neue körperliche Beschwerden oder gesundheitliche Themen können hinzukommen – all das kann dein sexuelles Selbstwertgefühl beeinträchtigen. Da dein hormonbedingter Sexualtrieb nachlässt, kann es außerdem eher zu Unterschieden im Verlangen zwischen dir und deinem Partner oder deiner Partnerin kommen.
Was du tun kannst
Vergiss die Häufigkeit
"Hab keine Angst, wenn du früher jede Woche Sex hattest und jetzt nur noch einmal im Monat. Qualität ist wichtiger als Häufigkeit", sagt Neves. Mach dir keinen Druck, zu "funktionieren", besonders lange durchzuhalten oder unbedingt einen Orgasmus zu erreichen. Sei einfach im Moment und konzentriere dich auf das, was sich gut anfühlt.
Definiere Sex neu
"Wenn Penetration nicht immer möglich ist, musst du neu darüber nachdenken, was Sex für dich bedeutet", sagt Neves. "Sprich mit deinem Partner über die Veränderungen in deinem Körper oder Geist, und entwickelt gemeinsam eine neue Definition von Sex." Das kann Kuscheln im Bett, Massagen, Oralsex oder die Nutzung von Toys beinhalten.
Bring Abwechslung rein
Viele Menschen in ihren 40ern haben über Jahre die gleichen Positionen genutzt, was langweilig werden kann. "Zudem fühlen sich manche Stellungen aufgrund körperlicher Veränderungen – wie Knie- oder Rückenproblemen – nicht mehr gut an", sagt Neves. Sorge für frischen Wind, indem du neue Positionen ausprobierst. Inspiration kannst du dir auch im "Kama Sutra" holen, dem klassischen Werk über Liebe und Sexualität.
Sex in deinen 50ern
Willkommen in der zweiten Lebenshälfte: In deinen 50ern befindest du dich in einer Phase, die oft von existenziellen Fragen nach dem Sinn des Lebens geprägt ist. Wenn du schon erwachsene Kinder hast, die bereits ausgezogen sind, kann dich zudem das Empty-Nest-Syndrom treffen, unter dem besonders Väter leiden.
Vorteile
Die gerade erwähnten großen Fragen des Lebens können dich auch in sexueller Weise neu motivieren. Du hast möglicherweise mehr Kapazität, dich wieder mit deiner eigenen Sexualität und deinem Partner oder deiner Partnerin zu verbinden. Viele stehen jetzt auch finanziell gut da und können sich Reisen und neue Erfahrungen leisten.
Herausforderungen
Typisch Torschlusspanik: Du könntest dazu neigen, überstürzte, lebensverändernde Entscheidungen zu treffen, um dich lebendig zu fühlen oder eine innere Leere zu füllen. Das ist einer der Gründe, warum Affären in diesem Jahrzehnt öfter vorkommen. Wenn deine Partnerin die Perimenopause durchläuft, können körperliche und emotionale Veränderungen das Sexleben erschweren.
Was du tun kannst
Gehe mehr Risiken ein
Lade deinen Partner ein, gemeinsam neue, vielleicht ungewohnte Erfahrungen zu machen. "Buche etwa einen Urlaub am anderen Ende der Welt und hab Sex auf einem Berg", sagt Neves. "Viele Menschen besuchen jetzt auch Swingerklubs – nicht unbedingt, um mit anderen zu schlafen, sondern um gesehen zu werden." Auch eine Option: Tantra-Sex. Oder stell es dir zumindest vor, um frischen Wind in deine Beziehung zu bringen.
Investiere in Gleitmittel
Wenn deine Partnerin zwar Lust hat, aber unter vaginaler Trockenheit leidet – etwa durch die Menopause –, kann Gleitgel ihre Beschwerden reduzieren. Neves: "Ich empfehle silikonbasierte Gleitmittel, die nicht zu klebrig sind und lange feucht bleiben."
Teste Masturbationshilfen
"Das ist weder eklig noch schmutzig, und sie machen dich nicht weniger männlich", so Neves. "Sie können ganz verschiedene angenehme Empfindungen erzeugen." Du kannst sie allein nutzen oder deinen Partner bitten, sie gemeinsam mit dir einzusetzen.
Sex in deinen 60ern
Etwas Altes endet, etwas Neues beginnt: In diesem Lebensabschnitt neigt sich deine berufliche Karriere wahrscheinlich dem Ende zu – was sich entweder wie eine Erleichterung oder wie ein großer Identitätsverlust anfühlen kann. In jedem Fall kann diese Veränderung eine Chance sein, dein bisheriges Sexleben neu zu gestalten.
Vorteile
Du hast wahrscheinlich weniger das Gefühl, dich sexuell beweisen zu müssen, und gehst entspannter mit Sex und seiner Verbindung zu deinem "männlichen Status" um. Das kann neue sexuelle Energie freisetzen, die darauf wartet, entdeckt zu werden.
Herausforderungen
Ja, das kann echt hart sein (beziehungsweisegenau das Gegenteil): Denn zunehmende altersbedingte gesundheitliche Probleme und bestimmte Medikamente können im Bett Erektionsprobleme verstärken. Dadurch kann es sich tatsächlich so anfühlen, als gäbe es eine noch größere körperliche Hürde für ein erfülltes und regelmäßiges Sexleben.
Was du tun kannst
Ziehe Medikamente in Betracht
"Viagra und ähnliche Medikamente können bei Erektionsproblemen helfen. Es ist jedoch sehr ratsam, vorher eine ärztliche Beratung in Anspruch zu nehmen, um auf der sicheren Seite zu sein", sagt der Experte. "Wenn du nicht zu deinem Hausarzt möchtest, kannst du auch eine Online-Beratung nutzen."
Aktiviere dein Verlangen
"Wenn du Viagra oder ein ähnliches Potenzmittel einnimmst, aber kein sexuelles Verlangen verspürst, wird es leider nicht wirken", erklärt Neves. Deshalb ist es wichtig, auch mental Zugang zu deiner Lust zu finden. "Überlege am besten, was dich heute erregt und wie sich das von früher unterscheidet. Frag dich, welche Stellungen du jetzt am liebsten magst – und warum", sagt Neves.
Entdecke neue erogene Zonen
"Egal wie alt du bist, es ist niemals zu spät, etwas Neues über deinen Körper zu lernen", sagt Neves. "Wo wirst du besonders gerne von jemandem berührt? Gibt es neue Bereiche, die du erkunden kannst?" Egal ob mit den eigenen Händen, denen deines Partners oder deiner Partnerin oder vielleicht mithilfe eines Sextoys – bleib immer offen und bereit, dich überraschen zu lassen.
Sex in deinen 70ern
Oldie but Goldie: Wenn du deine 70er erreichst, befindest du dich wahrscheinlich längst im Ruhestand. Gesundheitliche Themen rücken oft stärker in den Vordergrund, und es wird wahrscheinlicher, dass man einen Partner oder eine Partnerin verliert. Das bedeutet jedoch nicht, dass dein Sexleben zu Ende sein muss.
Vorteile
Der Ruhestand gibt dir mehr Zeit für sexuelle Erlebnisse, die zu deinem sich verändernden Körper und Gesundheitszustand passen. Wenn du einen Partner oder eine Partnerin verlierst, kannst du Trauer erleben und gleichzeitig den Wunsch verspüren, wieder mit jemand Neuem intim zu sein.
Herausforderungen
Behandlungen für Krankheiten, die in diesem Alter häufiger auftreten, können die Libido verringern und die körperliche Fähigkeit zu Sex beeinflussen. Trauer kann außerdem dazu führen, dass du vorübergehend kein sexuelles Bedürfnis verspürst. Was du tun kannst
Ändere deine Herangehensweise
"Älteren Menschen wird oft vermittelt, dass sie ab einem bestimmten Alter nicht mehr sexuell aktiv sein sollten", sagt Neves. "Dabei haben viele in ihren 70ern weiterhin sexuelles Verlangen. Du kannst Sex haben, solange du lebst – wenn du das möchtest." Möglicherweise musst du einfach deine Herangehensweise anpassen. Wähle gelenkschonende und weniger belastende Positionen, wie die Löffelchenstellung, oder genieße manuelle Stimulation mit den Händen – das ist nicht nur etwas für Teenager.
Erlaube dir, glücklich zu sein
"Nach dem Verlust eines Partners ist es normal, romantische wie auch sexuelle Trauer zu empfinden", sagt Neves. Wenn du Lust auf Sex hast, dich aber schuldig fühlst, erlaube dir, wieder glücklich zu sein. "Sei freundlich zu dir selbst und versuche, dich nicht für deine sexuellen Bedürfnisse zu schämen."
Bleib emotional verbunden
"In deinen 70ern sind gute Freunde sehr wichtig, um dich zu unterstützen", sagt Neves. "Freundschaften sollte man genauso lebendig halten wie romantische Beziehungen." Sprich offen mit deinen Freunden darüber, wie es dir geht – sei es in Bezug auf Sex, Trauer oder alles dazwischen.





